Nico

 

Die beiden McLaren 570S und 570GT im Test

Nicht allzu oft gibt es Tage im Leben eines 50-jährigen, da freut man sich wie ein kleines Kind auf Weihnachten, kann morgens nicht früh genug aus dem Bett kommen, setzt sich ins Auto und fährt mit einem permanenten Grinsen im Gesicht nach Düsseldorf.

Am 30. Mai war so ein Tag. McLaren Deutschland hatte exklusiv zur Präsentation seiner aktuellen Sports-Serie eingeladen, bestehend aus 540C, 570S und 570GT. Doch nicht nur Vorstellen und Anschauen war angesagt, nein, FAHREN stand auf dem Programm. Fahren, erfahren, testen, genießen, Adrenalinspiegel bis zum Anschlag treiben, und das Ganze ausgiebig.

 

Gehört und gelesen hat man schon einiges über die Fahrzeuge aus Woking bei London, dieser relativ kleinen Manufaktur, die erst seit 2010 ihre echten selbst entwickelt und gebaute Sportler über 80 Exklusivhändler weltweit vertreibt. Sicher werden jetzt einige Autoenthousiasten anmerken, es gab schon den dreisitzigen McLaren F1 Mitte der 90er Jahre und später den SLR McLaren, aber das waren Gemeinschaftsprojekte mit BMW und eben Mercedes-Benz. McLaren Automotive selbst arbeitet nun komplett autark.

Und das überaus erfolgreich und profitabel. Bis dato wurden über 10.000 Fahrzeuge seit der Vorstellung des Premierenmodells MP4-12C an den Fahrer bzw. die Fahrerin gebracht.

 

Frank Steffling, seines Zeichens glücklicher Pressemann von McLaren in Deutschland, hatte geladen und an diesem Tag nur 2 Journalisten zu betreuen. Nach einer kurzen, aber sehr informativen und interessanten Präsentation seines Arbeitgebers am Laptop ging es mit genügend Hintergrundwissen endlich ans Eingemachte.

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Da standen sie: der 570S in einem herrlich giftigen Grün, passend zur sportlichen Ambition dieses Modells und sein Pendant, der 570GT in einem gedeckten dunklen Grau, Tendenz sportlicher Grand Tourismo mit angedeutetem Kofferraum im Heck und Platz für 4 Kulturbeutel mehr als im 570S. Innerlich sind beide mit dem gleichen 3.8-Liter V8-Biturbo-Aggregat ausgestattet, Leistung 419 kW/570 PS, Drehmoment 600 NM, 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe und Heckantrieb.

 

Die Angaben zu den Fahrleistungen selbst sind aller Zweifel erhaben, doch was auf dem Papier steht erscheint in der Realität in einer anderen Dimension. 3,2 Sekunden von 0 auf 100 beim S und 3,4 beim GT lesen sich fast wie Fabelzeiten, richtig extrem sind die Werte von 0 auf 200: 9,5 und 9,8 Sekunden, das schaffen manch andere nicht beim 100 km/h-Sprint. Die Endgeschwindigkeit von 328 km/h ist bei beiden gleich und für den heutigen Verkehrsfluß eigentlich ausreichend. Sarkasmusmodus off...

 

Kollege Schwanenberg vom TopMagazin und ich standen nun vor der Qual der Wahl, wer startet mit welchem Modell, aber vor allem: wie passen wir beide fast 2 m Lulatsche in diese Flundern rein? Um die 4,5 m lang, 2,10 m breit, aber nur 1,20 m hoch kauern die McLaren vor uns auf dem Hof von Moll Sportwagen. Erster Eindruck, das wird verdammt eng. Wieder so ein Irrglaube, der nach dem, aus unserer Sicht, eleganten Einfädeln vorbei an den Flügeltüren Sekunden später zerstreut wurde. Die hervorragend geschnittenen Seriensitze umarmen regelrecht die Fahrer, der Platz im Fußraum lädt fast zum Squaredance ein und zwischen Dachhimmel und Schädelbasis paßt noch ein Teller Fish and Chips. Hätten wir nur noch minimal mehr Raum gehabt, wäre sogar LaOla machbar gewesen. Oder um es auf den Punkt zu bringen, für solche Sportwagen ist das Platzangebot sensationell. Man sitzt ungezwungen, bequem und fühlt sich pudelwohl.

 

Das Cockpit selbst ist auf das Relevanteste beschränkt, bietet das aber schön übersichtlich an. Einen Schalthebel sucht man vergebens, im Mitteltunnel läuft alles über Knöpfe, die Wippen am Lenkrad sind für die manuellen Schalteingriffe gedacht, links runter, rechts hoch.

10 Uhr, der Zeitpunkt zum Drücken des Startknopfes war endlich da. Rechter Fuß auf die Bremse, anlassen und... Da ist es wieder, dieses Grinsen, das mir schon seit Tagen einen nicht unangenehmen Muskelkater in den Wangen verursacht. Nur viel viel breiter als bisher. Im Heck brüllt der V8 auf, parallel dazu versuchen meine Nackenhaare durch die kleine Heckscheibe ins Freie zu gelangen, mit der Gänsehaut, die sich auf meinen Armen bildet, könnte man Kartoffeln rappen.

 

Die Automatik hat den 1. Gang eingelegt und zusammen mit Frank Steffling als Co-Pilot geht es endlich auf Tour. Erstaunlich, wie hamonisch der 570GT, für den ich mich entschieden habe, losfährt. Ein Golf kann es kaum besser. Zuerst rollen wir straßenverkehrsordnungsgerecht durch Düsseldorf in Richtung Autobahn. Öl und Wasser sind auf Temperatur, das blaue Schild taucht auf, 3 Spuren ohnen nenneswerten Verkehr breiten sich vor uns aus. Feuer frei! Gaspedal durchtreten, die Umklammerung des Sitzes wird intensiver, der Schreihals im Heck bläst aus allen Rohren, die Mundwinkel vereinen sich mit den Ohrläppchen und der Ritt auf der Kanonenkugel nimmt unvorstellbare Ausmaße an. Diese Beschleunigung ist lapidar gesagt irre. Ohne Unterbrechung übergibt ein Gang kurz vor der 8-Tausender Drehzahlgrenze schnalzend an den nächsten. Der Adrenalinanteil im Körper übersteigt gefühlt den des Blutes. Dieses Feeling zu beschreiben ist eigentlich unmöglich und mit nichts vergleichbar.

 

Der Mensch trifft auf eine von ihm geschaffene Urgewalt, die einem auf der einen Seite brutal vorkommt, auf der anderen Seite jedoch in einer mechanischen Harmonie abläuft, die irritiert. Positiv irritiert. Nie kommt in einem die Angst auf, über diesen Sportwagen die Kontrolle zu verlieren. Den britischen Ingenieuren ist es gelungen, einen Wagen auf die breiten Pirellis zu stellen, dem sein Fahrer vom ersten Moment an vertraut. Er liegt satt, gibt Fahrbahnunebenheiten kaum ins Cockpit wider, läuft stoisch geradeaus und die direkte Lenkung tut ihr Übriges dazu bei. Egal ob 50, 100, 200 oder bei Vmax. Der McLaren liegt mit einer Selbstverständlichkeit auf der Straße wie es wahrscheinlich nur eine Handvoll Fahrzeuge hinbekommt. Eine wahre aerodynamische Meisterleistung ohne Prollspoiler auf dem Heck für mehr Anpressdruck.

 

Der verhältnismäßig kurze Autobahnsprint geht zu Ende, die Autobahnausfahrt mit ihrer langen, aber doch eng zumachenden Kurve präsentiert sich als nächste Prüfung. Fuß aufs linke Pedal, genauso wie er beschleunigt verzögert er auch. Anbremsen und satt und zügig durch. Am Kurvenausgang fragt man sich unwillkürlich: Warum hast du eigentlich am Kurvenanfang gebremst? Der Klassiker, läuft wie auf Schienen, trifft es auf den Punkt. Nur sprechen wir hier über einen ICE oder TGV.

 

Die Tour, die Frank Steffling ausgearbeitet hat besteht größtenteils aus Landstraße, ein Revier, in dem die beiden 570er ihre Talente so richtig ausspielen können. Erstes Ziel ist der Tagebau Hambach bei Jülich. Hier gönnen wir den Fahrzeugen eine kurze Verschnaufpause bevor es weiter zum Fotoshooting an die Rurtalsperre geht. Egal wo wir auftauchen, ruckzuck ist Publikum da und zollt den Fahrzeugen Anerkennung. Wann sieht man schon echte Traumwagen live auf der Straße? Die Kids, denen wir bei Schulschluß in den diversen Dörfern begegnen, winken und geben uns Likes mit erhobenen Daumen. Das Diskussionsthema auf dem Schulhof am nächsten Tag dürfte somit geklärt sein.

 

Den 570 GT hatte ich also bis zum Zwischenstop an der Rurtalsperre, nun ist die grüne Sportversion am Zuge. Alles soweit gleich, nur ohne zusätzlichen Kofferraum im Rücken, dafür deutlich schärfer vom Fahrverhalten her. Obgleich die Aggregate identisch sind, wirken sich die 55 kg Mindergewicht gegenüber dem GT spürbar aus. Die Beschleunigung ist noch einen ticken schneller, die Straßenlage sportlicher. Im Normalmodus etwas zu weich, aber im Sport- oder Trackmodus legt er das an den Tag, was man von ihm erwartet. Ein Biest, das allerdings leicht zu zähmen ist.

 

Das herrliche Wetter und die Landschaft genießend geht der Trip quer durch die Eifel, vorbei an Dahlem bis zum Etappenziel Kronenburg mit seiner wunderschönen Altstadt und dem beeindruckenden Schlosshotel Burghaus.

Eigentlich war noch ein Mittagessen angedacht, aber mal ehrlich, Essen hat man jeden Tag im Gegensatz zu einer McLaren-Tour. Somit war das schnell geklärt und das gesparte Geld wurde in zwei Tankfüllungen feinsten TOTAL Excellium Superplus mit 98 Oktan investiert. Bei rund 30° Außentemperatur hatten nicht nur die Fahrer Durst.

Und auch hier überraschten die beiden Supersportler. Werden sie richtig rangenommen, sind 14-15 Liter absolut okay, wer viel schafft muß auch viel Flüssigkeit zu sich nehmen, fährt man jedoch relaxt, sind weniger als 10 Liter machbar. Doch bei Fahrzeugpreisen von 185.400 € für die S-Variante und 195.350 € für den GT spielt dieser finanzielle Bereich wohl eher keine große Rolle.

Die Autos hatten wieder genug Material um ihre Brennräume zu füttern und wir machten uns auf den Heimweg in Richtung Düsseldorf. Diesmal in erster Linie über die A1 und ihre Anschlüsse.
Flottes Vorankommen war nun zweitrangig, der Feierabendverkehr ließ keine Tempoeskapaden zu. Und hier zeigten die zwei Sportler, was noch in ihnen steckt: Alltagstauglichkeit. Stockender und zähfließender Verkehr oder Schrittempo beeindruckten die Maschinen in keinster Weise. Die Motortemperatur blieb immer unter 100°, alles lief wie bei einem Großserienfahrzeug. Von einer Bockigkeit, die man einigen, primär italienschen Sportwagen nachsagt, ist bei den edlen Briten keine Spur. Egal ob man damit auf die Nordschleife möchte oder die Mutti in die Stadt einkaufen fährt, ein McLaren ist so gesehen vollkommen alltagstauglich.

Nach einem intensiven und berauschenden 7-Stunden Ausflug, rollten wir um 17 Uhr wieder auf den Moll´schen Hof. Schweren Herzens gaben wir die Schlüssel an Frank Steffling zurück, der einen echt tollen Job gemacht hatte und 2 alte Säcke wie kleine Kinder über einen halben Tag lang jauchzen ließ.

Auf der Nachhausefahrt war es immer noch da, dieses Grinsen, denn demnächst kommt McLarens neuer Supersportler 720 S nach Deutschland. Auch hier ist die Modellbezeichnung Programm, 720 Pferde werden auf das Fahrerlebnis mit den 570er noch eine Schippe draufpacken, auch wenn das eigentlich unmöglich scheint. Aber McLaren ist immer für eine Überraschung gut, das hat uns der Tag gelehrt. Und daß Grinsen chronisch werden kann...

 

Fotos/Videos/Bericht: Guido Strauss